Ein Aufsatz von Klein Udo
Irgendwann kurz nach der Bundestagswahl im Reichstag:

Absch(l)ussfahrt mit Mutti

Kanzlerin Merkel steht am Rednerpult und freut sich über ihre letzte Amtszeit. Außerdem möchte sie mit ihren Politik-Azubis noch ein paar Tage wegfahren, bevor sie einige von ihnen ins echte Leben entlässt.

Wie immer in der letzten Zeit, wenn Merkel spricht, erscheinen ihre zur Raute gefalteten Hände als Hologramm in der Mitte des Saals. Ihr Feng-Shui-Berater hat diesen wertvollen Tipp gegeben: Und tatsächlich, fast die komplette Opposition ist anfällig für diese Art der Hypnose. Nur Martin Schulz kocht innerlich vor Wut. Merkel spricht gerade: „… und deswegen gilt mein besonderer Dank für diesen grandiosen Wahlsieg auch mir selbst“, als Schulz grün anläuft und sie unterbricht: „Sie sind die große Verliererin, Frau Merkel. Unsere Koalition ist abgewählt und Sie … .“ Schulz hält kurz inne und ringt nach weiteren Worten bis er resigniert fortfährt: „… regieren allein weiter.“
Merkel schüttelt wie ein Wackel-Dackel den Kopf – einer ihrer seltenen Gefühlsausbrüche: „Mein lieber Martin, sei doch nicht traurig. Ich habe soviel erreicht und du durftest dabei sein. Bevor du wieder in Würselen oder Europa verschwindest, solltest du unbedingt mich und den Joachim besuchen, dann darfst du meine gute Kartoffelsuppe probieren.“
Schulz winkt ab und sinkt frustriert ein paar Zentimeter tiefer in seine Bank.

Schäuble war während Merkels Ansprache kurz eingenickt, jetzt ist er wieder wach und brüllt zusammenhanglos: „Die Griechen sind schuld.“
Das Parlament im Chor: „Wissen wir. Wissen wir.“

September-Playmate Chris Lindner steht neben der Kanzlerin, die kurz mit ihm tuschelt und glücklich kichert. Dann verkündet sie den Anwesenden, dass Lindner eine superdigitale Idee für den geplanten Ausflug hat und überlässt der FDP-Geheimwaffe das Rednerpult. Doch Lindner scheint just in dem Moment einen Krampfanfall zu bekommen. Er zuckt wie einst Joe Cocker beim Livekonzert. Das Parlament sieht gespannt und mucksmäuschenstill zu. Die Abgeordneten werden Zeuge einer Metamorphose. Lindner ist plötzlich fett. Seine Kleidung platzt an mehreren Stellen auf, dann zerläuft sein markantes Gesicht. Im Saal ist es so ruhig, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Entsetzt entfährt es einigen Abgeordneten fast gleichzeitig: „Das ist ja der Brüderle.“ Und tatsächlich steht jetzt Rainer Brüderle anstatt Lindner wie ein Mahnmal am Rednerpult und fragt seelenruhig in die Runde: „Ich organisiere in dieser Legislaturperiode wieder eine Fahrt zum Törggelen nach Südtirol. Wer mitwill, muss sich in die Liste eintragen. Die lass ich anschließend rumgehen.“

Die meisten Parlamentarier haben das Gesehene noch nicht verdaut, da ruft Volker Kauder schon in die Runde: „Einwandfrei, da bin ich auch dabei. Nur einen Roten mag ich nicht.“
Das Parlament im Chor: „Wissen wir. Wissen wir.“

Das erste neue Thema nach der Wahl wird sofort hitzig, aber freundschaftlich wie eine Diätenerhöhung, diskutiert. Nur Schwesig ist etwas bockig und meint, dass sie im Bus auf gar keinen Fall neben Von der Leyen sitzt. Steinmeier hat ebenfalls einen Einwand, möchte wissen, wo dieses Südtirol genau liegt und ob dort der Jet des Bundespräsidenten landen kann. Und Wagenknecht fragt ungewohnt kleinlaut: „Sind wir da über Nacht weg? Da müsste ich dann den Oskar fragen, ob ich mitdarf.“
Das Parlament im Chor: „Wissen wir. Wissen wir.“

Andrea Nahles möchte endlich nach Hause, sich aber vorher noch in die Törggelen-Liste eintragen. Sie wird ungeduldig, betreibt im Sitzen Schattenboxen: „Her mit der Liste, sonst gibt’s was auf die Fresse.“

Die Abgeordneten sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie Brüderles diabolisches Grinsen nicht wahrnehmen, als dieser das Rednerpult verlässt und aus dem Saal schlurft. Draußen auf dem Gang bekommt der Lindner-Brüderle-Mutant Zuckungen und eine erneute Verwandlung peinigt seinen Körper. Er wälzt sich am Boden. Sein Gesicht hat nun asiatische Züge. Es erinnert an die FDP-Ikone Philipp Rösler. Nur die Eisenpranke, die einmal eine Hand war, will nicht zum einstigen Vorsitzenden passen. Mit der unversehrten Hand zückt der Mutant etwas umständlich ein Handy: „Hallo Blofeld, hier spricht Dr. No. Sie tappen in die Falle und kommen nach Südtirol. Dort machen wir aus ihnen Klone. … Nein, nicht Clowns. Klone. … Ja, genau. Wie damals, als wir Merkel beim Langlaufen geschnappt haben.“

Kurz darauf hallt ein finster kieksendes Lachen durch die weitläufigen Gänge. Und der Lindner-Brüderle-Dr-No-Mutant nuschelt halblaut vor sich hin: „Verdammte Eisenklaue, nicht mal am Sack kratzen kannst du dich damit.“ up

 

 

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