Der Letzte macht das Licht aus

In Kindheit und Jugend war die Kaufbeurer Altstadt (nicht nur für mich) ein Ort der Begegnung und Erholung. Hier habe ich Freunde getroffen, hatte meine ersten Dates, bin shoppen und gut essen gegangen und habe in den zahlreichen Bistros, Eiscafés und Kneipen, das ein oder andere Bierchen gezischt. Kurzum die Kaufbeurer Altstadt hat in meiner Freizeitgestaltung immer eine Rolle gespielt. Sie ist einer der Gründe, warum ich mich dieser Stadt verbunden fühle.

Altstadtsterben und Einkaufszentren

Streift man heute durch die weitläufige Fußgängerzone kommt Wehmut auf. Leere Schaufenster starren die letzten Besucher vorwurfsvoll an. Viele Gastronomen und Einzelhändler haben ihren Standort in der Stadtmitte von Kaufbeuren aufgegeben, darunter Unternehmen wie Hobby Lill, Nordsee, Modehaus Adler, Haushaltswaren Stöhr, K&L Ruppert und viele andere …

Bei der spärlichen kommunalpolitischen Debatte zu dem Thema wird immer ein Schuldiger ausgemacht: Das Internet, sprich das damit verbundene Einkaufsverhalten. Und da es das Internet gibt, muss also die Kaufbeurer Altstadt sterben? Im Idealfall ist ein Stadtzentrum auch Marktplatz für Gewerbetreibende. Es sollte aber vor allem anderen eine Begegnungsstätte für den Querschnitt der Bevölkerung sein. Pluralität und eine offene Gesellschaft entstehen im öffentlichen Raum, wenn sich Leute zwanglos begegnen, nicht hinter einem geschlossenen Kemnater oder Mauerstettener Gartentürchen und auch nicht in einem Neugablonzer Wohnblock, in dem Deutsch als Fremdsprache gelernt wird.

Geschichte und Tradition einer Stadt haben ihren Ursprung im Zentrum – nicht in irgendeinem austauschbaren Einkaufsviertel.

Die gewählten politischen Vertreter haben die Pflicht, diese Geschichte und Traditionen zu bewahren und die Identität, der ihnen anvertrauten Stadt zu schützen und für die Zukunft wetterfest zu machen. Die Identität der Stadt Kaufbeuren ruht im Zentrum. In den kleinen Geschäften und Traditionsbetrieben wie der Bäckerei Dolp, dem Eiscafé Roma oder dem Weberhaus und irgendwo zwischen den alten Bauten, dem Geburtsort von Ludwig Ganghofer und dem Crescentiakloster.

Wie sieht das Krisenmanagement aus?

Ich bin kein Rathaus-Insider, kann also auch nur Vermutungen anstellen. Auf jeden Fall werden punktuelle Maßnahmen wie eine Blue Night im Jahr die Innenstadt nicht retten. Die Verantwortlichen müssten hier in die Offensive gehen und ein dickes Maßnahmenpaket schnüren: Vielleicht einen Marketingverbund gründen, Geld in die Hand nehmen und bei Bedarf Hilfsangebote (Mietzuschüsse etc.) zur Verfügung stellen. Eine eigene Altstadt-Website und eine Altstadt-Zeitung sollten obligatorisch sein, denkbar wäre auch eine Präsenz im lokalen Fernsehen oder ein eigener YouTube-Kanal. Diese Vertriebskanäle müssen natürlich aktuell gehalten und regelmäßig beackert werden (Werbeaktionen, Newsletter, Blog etc.). Die Verantwortlichen hätten schon längst Flagge zeigen müssen. Es ist fünf nach zwölf. Die Geisterstadt Kaufbeuren hat einen Großteil ihrer Attraktivität bereits verloren. Die entgangenen Gewerbesteuereinnahmen müssen mittlerweile beträchtlich sein. Was schließt als nächstes: Die Stadtbücherei oder eines der beiden Freibäder?

Das Errichten eines Forettle-Centers hat die Innenstadt zusätzlich zerfasert. Besucher des Forettle-Centers spazieren in den allerwenigsten Fällen in die nebenan gelegene Altstadt; hierfür müssten sie einen kurzen Fußmarsch in Kauf nehmen und eine verkehrsreiche, mehrspurige Straße überqueren, um dann vor leeren Schaufenstern zu flanieren.

Ein weiterer Sargnagel für das Leben im Zentrum ist genau dieser Verkehr. Der muss komplett raus aus der Innenstadt. Und bei den umfangreichen Pflasterarbeiten der letzten Jahre wurden leider die Grünflächen vergessen. Doch auch hier gilt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Immerhin hat  das Portal „ZEIT ONLINE“ dem Zustand von Kaufbeuren einen lesenswerten Artikel gewidmet. Meine Lieblingsstellen sind: „Detroit des Allgäus“ und „Tourettle“. up