Zu verkaufenAuf dem platten Land, außerhalb der Metropolen, merkt man sie am deutlichsten – die Veränderungen der letzten Jahre. Wer in einer kleineren Stadt oder auf dem Dorf wohnt, ist ohne Auto aufgeschmissen. Die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs waren nie üppig, doch zuletzt wurden sie noch mehr ausgedünnt, nicht rentable Buslinien eingestellt, kleine Bahnhöfe nicht von allen Zügen angefahren.

In vielen Gemeinden wohnen Menschen, die selbst ein Haus gebaut oder Wohneigentum erworben haben, wirklich leben können sie dort schon lange nicht mehr. Dass sie zum Arbeiten in die Stadt pendeln müssen, sind die meisten gewohnt, dass es am Wohnort, keinen Bäcker, keinen Metzger, kein Gasthaus, keinen Laden und keinen Bankschalter mehr gibt, wohl eher nicht. Nach Schließung der Bankfilialen kommen jetzt auch noch die zurückgelassenen Geldautomaten dran. „Die werden zu wenig benutzt“, heißt es „und daher abgebaut“.

Keine_Schliessung„Tante Emma“ hat aufgegeben. Die Landbevölkerung muss sich jetzt bei Aldi und ein oder zwei regionalen Supermärkten versorgen. Zum Wochenende hin, treffen sich alle in den einigen Kilometern entfernten Kleinstädten zum Großeinkauf. Vom zwanzigjährigen Single bis zur neunzigjährigen Großmutter, schwingt sich jeder in seinen Boliden und freut sich auf das immer gleiche, wiederkehrende Wochenend-Einkaufs-Chaos. Stadtfeeling für die Landeier.

Wirtschaftlicher Schaden durch Landflucht

Wer auf dem Land wohnt, muss eins unbedingt besitzen: eine gute Gesundheit. Ja, Sie haben es erraten. Niedergelassene Ärzte gibt es auch fast keine mehr in den Nobody-lives-here-Areas. Sechzig Kilometer einfacher Fahrweg, um einen Facharzt aufzusuchen, sind mittlerweile keine Seltenheit mehr.

Würden diese Probleme nur in einigen Gegenden auftreten, könnte man vielleicht sagen: das ist persönliches Pech und muss von den Kommunen, wie auch immer das aussehen mag, selbst gelöst werden.

Die schon fast mittelalterlich anmutende Landflucht ist aber ein strukturelles Problem, das ganz Deutschland betrifft. Bund und Länder müssten gemeinsam ein Programm beschließen, das strukturschwache Gebiete fördert, bevor sie komplett ausgestorben sind. Manche Gemeinden gehen finanziell so am Stock, dass sie nachts die Straßenbeleuchtung ausschalten (kein Witz).

Unsere Eliten fühlen sich aber leider zu Höherem berufen. Sie wollen der Tonangeber in Europa sein. Nationale Probleme und die Bevölkerung werden vernachlässigt.

Meine Heimatregion, das Allgäu, ist auf der ganzen Welt durch das Schloss Neuschwanstein (Schwangau bei Füssen) und die Oberallgäuer Kurorte Oberstdorf und Oberstaufen bekannt. Diese Tourismusregionen kennen die genannten strukturellen Probleme nicht; doch das Allgäu ist relativ groß und hat auch abseits der bekannten Attraktionen Urlaubern viel zu bieten – vor allem eine grandiose Landschaft. Nur welche Reisegruppe mietet eine Ferienwohnung in einer Ortschaft, in der sie nicht einmal Frühstückssemmeln (Semmel = Brötchen) kaufen kann? Ohne ein Mindestmaß an Infrastruktur, kann man auch eine Naturschönheit wie das Allgäu nicht vermarkten.

Die Bevölkerung weiß ganz genau, wem sie den Umbau ihrer Heimat in einen mittelalterlichen Erlebnispark zu verdanken hat: den etablierten Parteien der Mitte. Die Allgäuerinnen und Allgäuer werden im September links oder rechts außen wählen. up

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