Dekra MarktoberdorfViertel vor acht: Direkt bei der verglasten Eingangstür rauchen einige Teilnehmerinnen ihre „Guten Morgen“-Zigaretten und tauschen sich über das Wochenende aus. Drinnen steht eine Menschentraube vor der robusten Kaffeemaschine um einen koffeinhaltigen Wachmacher an. Am großen Mittagstisch studiert Reinhard M. die Stellenanzeigen vom Wochenende. Der gelernte Einzelhandelskaufmann ist seit kurzem arbeitslos und Teilnehmer des Pro-Job-Lehrganges bei der Dekra in Marktoberdorf: Neue Qualifizierungen sollen bei der Stellensuche helfen. Die meisten Teilnehmer werden von den Arbeitsämtern, Jobcentern oder Auffanggesellschaften geschickt. „Es gibt aber auch immer wieder Selbstzahler, die auf das Know-how der Einrichtung schwören“, so Gabriele Pohl, Seminarleiterin der Akademie.

Kurz nach acht: Das Gedränge in der Kaffeeküche hat sich aufgelöst. Die Teilnehmer sitzen jetzt alle, auf mehrere Räume verteilt, an Computerarbeitsplätzen.

Die Lern- und Jobakademie bietet über zweihundert Bausteine, sogenannte Module, zur beruflichen Weiterqualifizierung an, in der Hauptsache Computerkurse für Kaufleute, aber auch Sprachkurse wie „Deutsch als Fremdsprache“ und Business-Englisch. Außerdem im Programm: Verkürzte Umschulungen oder Vorbereitungskurse auf IHK-Abschlüsse. Letztgenannte zu bestehen, ist aber alles andere als einfach, da die Prüfungen extern abgelegt werden müssen und der komplette Stoff der regulären Ausbildungen abgefragt werden kann. Außerdem bietet die Dekra keinen Frontalunterricht (mit moderierender Lehrkraft) an. Die Umschulungen müssen im Eigenstudium gestemmt werden. Um die Praktikumsplätze müssen sich die Teilnehmer ebenfalls selbst kümmern. Davon lässt sich Cindy G. nicht abschrecken. Die junge Friseurin, die aufgrund einer Kontaktallergie gegen Haarfärbemittel und Shampoos, schon länger als ungelernte Verkäuferin tätig ist, möchte auch in ihrem neuen Beruf einen Abschluss und büffelt gerade für die externe Prüfung.

Familiäre Atmosphäre

Halb zehn: Frühstückspause. Antonia M. hat drei Bleche selbstgemachten Kuchen mitgebracht.

Die ehemalige Fahrerin eines Transportunternehmens für Behinderte sorgt regelmäßig für das leibliche Wohl in der Weiterbildungsakademie. Sie ist schon länger bei der Dekra und hat einige Qualifizierungen absolviert. Trotzdem hat die rührige Endvierzigerin immer noch keine neue Arbeitsstelle gefunden. „Das könnte an den suboptimalen Bewerbungsunterlagen liegen“, meint Bruno Pohl, Chef und selbsternannter Jobcoach der Einrichtung. „Meistens sind zwischenmenschliche Probleme und nicht mangelndes Können die Gründe für ein schlechtes Arbeitszeugnis“, ist sich Pohl sicher.

Dreizehn Uhr: Im sogenannten „Sprachlabor“, bietet die Dekra die Möglichkeit „Deutsch als Fremdsprache“ oder Englisch zu lernen. An der Tür hängt ein Zettel mit der nicht ganz ernst gemeinten Aufschrift: „VIP-Bereich. Anklopfen – Eintritt nur nach Aufforderung“. Die (Lern-)Atmosphäre bei der Dekra-Akademie ist entspannt.

Oft bilden sich kleine Gruppen, die sich gegenseitig helfen. Im Kurs „Deutsch als Fremdsprache“ lernen gerade Teilnehmerinnen aus Vietnam, Thailand, China, Mosambik und der Ukraine gemeinsam die schwere Sprache.

Fünfzehn Uhr: Die Pohls und zwei Mitarbeiterinnen müssen einen Raum für eine Info-Veranstaltung herrichten: Interessenten für den Kurs „Pro Job Ü50“ werden erwartet.

Das Ehepaar Pohl moderiert die Veranstaltung gemeinsam und zur Freude der Anwesenden sehr humorvoll, beantwortet Fragen und beruhigt Interessenten, die über geringe oder gar keine Computerkenntnisse verfügen.

Nebenan wollen einige Teilnehmer von „Pro-Job“ ihre Module abschließen und schreiben kurz vor Feierabend den dazugehörigen Test, denn jedes aktuelle Weiterbildungszeugnis hilft angeblich bei der Stellensuche.

Nach 17 Uhr: Die meisten Teilnehmer sind schon weg, da arbeiten die Pohls und ihre Mitarbeiterinnen noch für deren Zukunft. An diesem Tag müssen Bewerbungsmappen mit Anschreiben für zwei schlecht deutsch sprechende Teilnehmerinnen angefertigt werden. Problematisch dabei: es fehlen Arbeitsnachweise.

Nebenan Krisengespräch: Gabi Pohl nimmt eine Teilnehmerin in den Arm. Die alleinerziehende Mutter hat den Verlust ihrer Arbeitsstelle noch nicht verarbeitet und wird von Existenzängsten geplagt. Nach ein paar tröstenden Worten gibt die Seminarleiterin einen hilfreichen Tipp. Trotz finanzieller Not hat die junge Mutter noch kein Wohngeld beantragt.

Monate später:
Was hat das Bildungsangebot den interviewten Teilnehmern gebracht?

Für keine der willkürlich ausgesuchten Personen konnte diese Fortbildungseinrichtung eine Verbesserung der beruflichen Situation bewirken:

Umschülerin Cindy G. hat die externe Prüfung nicht bestanden.

Rainer M. macht gerade eine Umschulung bei einer anderen Fortbildungseinrichtung, die Frontalunterricht anbietet.

Antonia M. kämpft immer noch für ein annehmbares Arbeitszeugnis und um eine neue Anstellung, mittlerweile ohne den Jobcoach Bruno Pohl.

Fazit

Die Kernkompetenzen dieser Einrichtung unter dem Dekra-Logo liegen in den Bereichen Büro (einfache Computerkurse wie zum Beispiel „Word“), Lager und Spedition. Warum die örtliche Arbeitsagentur beinahe jeden Arbeitssuchenden, egal welchen beruflichen Background dieser mitbringt, zu den Pohls schickt, bleibt wohl ein Geheimnis. Vielleicht liegt es an der Marketing-Strategie der Einrichtung. Diese gibt vor, den Teilnehmern bei der Stellensuche behilflich sein zu können und über entsprechende Arbeitgeberkontakte zu verfügen. Dies ist nicht der Fall.

Ein weiteres dickes Minus sind die hanebüchenen Sprachkurse: Zum Teil sehr schlecht deutsch sprechende Teilnehmerinnen werden mit Rechner und Übungs-CD allein gelassen. Gute Testergebnisse kommen dadurch zu Stande, dass die Übungen so lange wiederholt werden bis man die Lösungen auswendig kann. Ernst gemeinte Integrationsangebote sehen anders aus.

Pro

-familiäre Atmosphäre

Contra

– fast kein qualifiziertes Personal

– nur Eigenstudium, kein Frontalunterricht

– veraltete Computer und kein aktuelles Lehrmaterial

– bei hoher Teilnehmerzahl Platzmangel (Da sitzt dann der ein oder andere Teilnehmer schon einmal in der Kaffeeküche/Aufenthaltsraum.)

– irreführende Eigenwerbung: Arbeitsvermittlung und ein sinnvolles Bewerbertraining finden nicht statt.

Daumen runter

Gesamturteil

Vom Staat gesponsorte Einrichtung, die ihre Kompetenzen zum Schaden vieler Teilnehmer überschreitet und in etlichen Fällen überfordert wirkt und untätig bleibt. up

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4 Kommentare

  1. Absolut richtig. Am Anfang wird alles schöngeredet, doch Dozenten sind nie da, man wird absolut allein gelassen und soll dann irgendwie seine Prüfungen bestehen. Diesen Laden sollte (muss) man meiden.

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  2. Anstatt die richtigen Lernbücher bekommt man nur den letzten Schrott von Büchern die einen nicht weiterbringen. Ansprechpartner gibt es schon lange keine mehr die einem etwas richtig erklären können. Entweder sind alle Krank oder das unfähige Personal hat wie immer keine Ahnung.
    Alles zusammengefasst, sehe ich mich jetzt schon in der IHK-Prüfung total versagen.
    Ein wahnsinns Qualitätsbetrieb diese Dekra.

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  3. Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!
    Und dennoch gibt sich der Autor fairer Weise alle Mühe,
    dieser Institution etwas Positives abzugewinnen…

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  4. Da sprechen Sie mir die Wahrheit aus der Seele. So wie sie das finden empfand ich das auch. Die Leiter haben leider wenig Ahnung von dem was Sie machen und können einem selten Helfen. Vielen Dank für diese super Rezesion über diesen Laden.

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